Das universelle Verständnis für Klänge


Meine Sinnesorgane sind weit offen, ich starre fortwährend in die Sonne, aber ich kann meine Augen nicht schließen, selbst wenn ich es wollte.

Man reagiert vielleicht oder man reagiert vielleicht nicht auf das, was man hört. Sprachen vermitteln Bedeutung, Semantik. Aber die Frage lautet: Kann man die Konnotationen oder Assoziationen in Liedtexten erfassen, wenn sie in einer Sprache aufgeführt werden, die man nicht selber spricht?

Nun, ich halte das für möglich. Wenn man ein Lied in einer fremden Sprache hört, macht man eine andere, aber wichtige, Erfahrung, auch wenn man die Sprache nicht wirklich versteht. Ich habe mich entschieden, drei Alben mit ihren Originaltexten wiederaufzulegen, weil ich glaube, dass es ein universelles Verständnis für Klänge gibt – die musikalische Bedeutung in jeder Stimmfarbe, in jeder Silbe, die eine Melodie erfüllt, losgelöst von den Einschränkungen der Nationalität.

Ich definiere jeden Text, den ich produziere, wie ich die Musik in dem, was ich schaffe, definiere. Liedtexte sind transnational, sie reisen mühelos, frei von den Konventionen geografischer und politischer Grenzen. Im Prinzip kann man aus allem, was man hört, Bedeutung entschlüsseln. Für mich sind Texte oft ein Teil der Gesamtstimmung und des Tonbildes einer Melodie, nicht etwas, das für eine bestimmte Nationalität spricht oder durch die benutzte Sprache zu einem definierten geografischen Raum gehört. Die eigentlichen Worte und die Semantik des Textes schränken die Lieder ein, während ich die Texte als ein Öffnen der Lieder sehe.
 
Im Laufe der Jahre habe ich mehrere Alben veröffentlicht, in verschiedenen Musikgenres: Orchestermusik, Kammermusik, Elektroakustische Werke, Lieder und surrealistische Gedichte. Wenn mich aber jemand fragen würde, welches Genre oder Album ich am meisten schätze, könnte ich keine Wahl treffen. Ich kann die FJB-Alben nicht in eine Rangfolge einordnen; das wäre wie einen Berg gegen ein Tal abzuwägen. Genres sind nur von Menschen gemachte Nischen, die helfen, den künstlerischen Ausdruck in der Musik zu definieren, um es vielleicht etwas leichter zu machen, sich mit dem Gehörten zu verbinden. Musik in eine Nische einzuordnen schafft eine Art von Ordnung und Stabilität.

Die FJB-Alben sind oft Konzeptalben. Es wird eine Geschichte erzählt, egal, ob ich singe und Gitarre spiele oder ob ein Orchester ein Konzert aufführt. Ich möchte jegliche bestehende Vorstellung darüber, was man von einer Veröffentlichung erwartet, verwerfen. Es ist genauso wichtig für mich, ein Lied zu veröffentlichen, wie ein Flötenkonzert oder eine Symphonie. Die Lieder, der Humor und die symphonischen Gedichte gehen Hand in Hand. Lachen, Geheimnis und Surrealismus sind von gleicher Bedeutung. Diese Elemente zusammen bilden ein „drittes Auge" in dem, was ich mache, und sie sind alle ein Teil des FJB Fingerprints.

Was ist mit mir persönlich als Komponist und Künstler? Bin ich so transnational wie die Ausdrucksformen von Kunst? Um ehrlich zu sein, empfinde ich mich als auf natürliche Weise befreit vom Konzept der Nationalität. Ich gehöre nirgends und überall hin (na ja, vielleicht sogar außerhalb der Welt), genau wie auch die Melodien und Texte, die ich geschrieben habe. Ich kann mich keinem bestimmten Land verpflichtet fühlen, wenn das Land voller Bigotterie, Moralismus und rückwärtsgerichteter Menschen ist. Ich muss ehrlich mit mir selbst sein, und daher befinde ich mich auf vielerlei Art im Exil.

Im Grunde genommen ist meine gesamte Produktion eine Proklamation für persönliche Freiheit, somit eine Stellungnahme gegen Bigotterie. Was ich mache, mache ich intuitiv: Ich atme Impressionen ein und atme Expressionen aus. Ich habe absolut keine politischen oder religiösen Zugehörigkeiten.

Es gibt einen Gedanken, dem ich mich nicht entziehen kann, die Möglichkeit, dass wir in dem Moment, in dem wir geboren sind, in eine Situation hineinstürzen, in der wir feststecken, da der Tod anscheinend so untrennbar mit der Geburt verbunden ist. Vielleicht erkennen Menschen dies langsam im Unterbewusstsein, und eine verbreitete Art, die unsichtbare Einschränkung des bevorstehenden Todes zu ertragen, ist es, Lebenslügen zu spinnen: um des eigenen Glücklichseins willen etwas vorzutäuschen oder einfach den Willen, fortzubestehen, aufrechtzuerhalten. Viele FJB-Texte liefern Gedanken dazu.

Lebenslügen können viele Formen annehmen und sie sind oft gefärbt von Moralismus, Politik, Religion und der Entschlossenheit, die eigenen Überzeugungen und „Wahrheiten" anderen aufzudrängen. Obwohl das als egozentrisch und grausam gesehen werden kann, ist das Gehirn vielleicht darauf programmiert, einen am Leben zu halten, und angesammelte Überzeugungen nähren die Lebenslügen. Demzufolge fassen diese Täuschungen für die Mehrheit der Leute als akzeptierte Konventionen Fuß. Es scheint, als ob der Tod der einzige Weg aus dieser lebenslangen Einengung ist, und Menschen empfinden es als tröstlich, diesen Konventionen zu folgen – Lebenslügen, wie ich sie nenne – wenn der Tod näherkommt. In der Zwischenzeit offenbart sich die Scharade und die Menschen täuschen sich weiter selbst.
 
Es ist schwer für mich, intellektuell hierüber zu rationalisieren, da ich selbst Teil der Travestie bin und ständig an Lebenslügen erinnert und mit diesen konfrontiert werde. Ferner ist es jenseits meines Verständnisses, wie Menschen sich von Intoleranz und „moralischer Hysterie" leiten lassen können, und damit echte persönliche Autonomie und ausgewogenes Denken unterminieren.

Dennoch habe ich Momente, in denen ich reine Unschuld sehe und erfahre manchmal eine unerklärliche Euphorie, und das ist es, was es für mich glaubwürdig macht, es zu rechtfertigen, Kunst zu machen und am Leben zu bleiben. Meine Sinnesorgane sind weit offen, ich starre fortwährend in die Sonne, aber ich kann meine Augen nicht schließen, selbst wenn ich es wollte. Daran werde ich jeden Tag erinnert und es ist ein ständiger Kampf, denn ich fühle mich der Gesellschaft entfremdet und finde es schwierig, mich selbst zu belügen.
 
Wenn unsere Existenz ein Tunnel ist, der damit beginnt, uns in ein Leben des Festsitzens auszuliefern, dann ist da vielleicht am Ende des Tunnels eine Öffnung, eine Linderung der Enge. Wie ich es sehe, stehen die Chancen dafür 50/50. Wir müssen einfach abwarten.

Derzeit befinde ich mich in der Mitte dieses Tunnels und kommuniziere in einer Universalsprache, die möglicherweise von jenen unter uns verstanden wird, die sich trauen, ihren Blick zu heben: Das universelle Verständnis für Klänge.



Best wishes from