Ein Drahtseilakt unter dem Himmel


Vorwort


Eine Diagnose ist eine von Menschen gemachte Klassifikation von Beschwerden, Zuständen und Erkrankungen. Eine Diagnose kann jemandem helfen, zu verstehen oder zu erklären, warum er oder sie sich schwerer tut – egal ob körperlich oder psychisch. Sie kann auch helfen, ein bestimmtes Verhalten oder einen ungewöhnlichen Lebensstil zu verstehen.

Ich persönlich bin stets „Außenseiter" gewesen und die Asperger-Diagnose war keine Überraschung. Eigentlich war sie eine Erleichterung. Sie gab plausible Antworten auf viele der unbeantworteten Fragen, die sich zu meinen lebenslangen „Zusammenstößen" mit der Gesellschaft angesammelt hatten. Zudem war sie eine Erleichterung, da so andere Diagnosen ausgeschlossen wurden, für die die Symptome ebenfalls ein Indiz hätten sein können. Dies vorausgeschickt haben solche „Etiketten" nur einen begrenzten Nutzen und man sollte sich von Etiketten nicht das Leben ruinieren lassen. 

 

Ich erkenne viele der Eigenschaften, die zum Konzept „Asperger Syndrom" gehören, wieder und teile viele der üblichen, grundsätzlichen Eigenschaften der Asperger-Klassifikation. Mir fallen soziale Situationen ungemein schwer und ich versuche sie so weit es geht zu vermeiden: Ich reagiere negativ darauf, zu vielen Eindrücken gleichzeitig ausgesetzt zu sein. 


In meinem Inneren reagiere ich heftig auf Paradoxe, Stigmen, Bigotterie, Moralisieren, Moralislation™ (Menschenrechte verletzenden Gesetzgebung, die auf Moralismus, Tabus, Stigma oder Empfindungen basiert), Geringschätzung, das Beschneiden persönlicher Entscheidungen durch einen Bevormundungsstaat sowie auf Unglück, das auf irgendeiner „Wahrheitspropaganda" wie Religion, Politik oder Ismen beruht. Im Wesentlichen bin ich ein Einsiedler; und die Gesellschaft scheint mir definitiv als ein „falscher Planet". Stattdessen wende ich mein Gesicht zur Natur hin.

 

Dennoch kann ich einige der Asperger-Merkmale nicht vollständig in mir wiedererkennen, und scheine andere Merkmale zu haben, die definitiv nicht typisch für die Asperger-Klassifikation sind; so blühe ich zum Beispiel bei Wortspielen und Humor auf. Ich kann Ironie verstehen und ich denke, dass ich Gesichtsausdrücke ziemlich gut lesen kann.


Wenn ich ein genaues Synonym für das Asperger-Syndrom finden sollte, würde ich es enorme Spannungskapazität nennen. Das hört sich wie keine schlechte Sache an, oder? Das Problem ist, dass ich keinen „Filter" habe, um auszuwählen, was diese Kapazität an Eindrücken absorbiert, d.h. was ich höre, sehe, rieche und so weiter – daher kann das Gehirn mit vielen ärgerlichen Dingen gefüllt sein, um die ich nie gebeten habe.


Auf jeden Fall möchte ich betonen, dass eine Diagnose von Menschen gemacht ist und daher nie als absolut angesehen werden sollte. Sie ist in einigen Fällen nützlich, sollte jedoch niemanden einschränken. Und sie sollte nie gegen jemanden verwendet werden, als eine Ausrede, die Person auszugrenzen.

Kurz gesagt: Im besten Fall fördert eine Diagnose das Verständnis, aber im schlimmsten Fall bringt sie Vorurteile ans Licht und verhindert Selbstverwirklichung.

 

Ich habe mich entschieden, offen damit umzugehen; vielleicht gibt es jemanden da draußen, der versteht, wovon ich spreche.



Ein Drahtseilakt

Es mag seltsam klingen, aber jeder Titel der Werke, die ich im Laufe der Jahre erschaffen habe, scheint wie das i-Tüpfelchen zu meinem Leben zu passen; so auch «Tightrope walking beneath heaven» – ein symphonisches Gedicht aus dem Jahre 1993.

Die Titel sind zu sich selbst bewahrheitenden Vorahnungen geworden. Ich kann das genau erkennen und stelle fest, dass ich die Titel dessen bin, was ich erschaffe: Ich gehe auf dem Drahtseil unter dem Himmel durch das Leben. Ich kann an dieser Situation nichts ändern, aber ich muss mit meinen Augen einen außenliegenden, weit entfernten Punkt fixieren, um nicht in einer konventionellen Welt vom Seil zu fallen. Es gibt nur zwei Ausnahmen von diesem Seil und von dem Zwang, weit nach vorne zu schauen, um nicht zu fallen: Wenn ich allein in der Natur bin, kann ich meine Augen senken und allein mit Kunst kann ich meine Augen senken.

Für mich ist ein Tag einem Leben gleich. Nicht eine Stunde vergeht, ohne dass mein Gehirn mit voller Geschwindigkeit arbeitet; automatisch, unerschöpflich und unaufhörlich kreativ. Es gibt nie eine Pause. Mein Gehirn ist wie ein Sensor, der ständig Eindrücke erhält. So bin ich schon immer gewesen. Ich habe mich nicht in irgendeine Richtung entwickelt, seit ich Kind war. Ich habe immer die gleichen Gedanken gehabt, immer die gleichen Dinge gesehen, immer die gleichen Klänge gehört und die gleichen Emotionen gefühlt. Ich kann „alles" sehen und hören, aber es ist ein täglicher Kampf. Es bereichert mein Leben ungemein, aber es macht mein Dasein auch sehr dynamisch, denn neurotypische Menschen haben eine Tendenz, sich um das zu gruppieren, was ich als Selbstbetrug, konformistische Lebenslügen oder Illusionen sehe. Für mich ist das dem Atmen in einem Vakuum gleich; ich kann keine Lebenslügen hegen. Ich kann eine Welt geleitet von Religionen und moralisierender Politik nicht akzeptieren, die dem Staat ungerechtfertigte Macht über das Individuum gibt.

Es ist unbedingt erforderlich, dass ich einen Weg finde, mit meiner Kreativität meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.  Das ist eine große Herausforderung und beinahe unnatürlich, denn es verlangt von mir, in einem konventionellen Umfeld sozial und präsent zu sein. Ich kann dies nicht durchmachen, ohne zu riskieren, dass es einen psychologischen „Zusammenbruch" nach sich zieht. Ich bin Autodidakt; ich habe überhaupt keine formelle musikalische Ausbildung. Nicht, weil ich Ausbildung nicht anerkenne oder respektiere. Ich könnte nicht konzentrieren. Ich konnte nicht zu viel Leute um mich herum haben. Das Asperger-Syndrom hat es für mich sehr schwer gemacht, mit Dingen umzugehen, die andere als alltäglich und belanglos ansehen. Darum kann ich keiner konventionellen Arbeit nachgehen.

Ich wurde ohne „Filter" geboren und das zwingt mich, mit Vorsicht zu handeln und in meiner Auswahl und in der Art, wie ich interagiere, sehr selektiv zu sein. Alles, was ich tue, erledige ich auf eine andere Art: ohne Auffangnetz. Ich befinde mich letztlich außerhalb der konventionellen Welt auf einem Parallelweg, und ich existiere in meiner eigenen Umlaufbahn und kreise um die Erde.

Ich erlebe Euphorie und Verzweiflung; grenzenloses Hochgefühl und bodenlose Abgründe. Aber ich fühle mich überhaupt nicht manisch. Es gibt viele Dinge, die ich in diesem Leben nicht tun kann, aber ich mache ununterbrochen Kunst. Ich sehe, dass es eine bemerkenswerte Anzahl von Menschen mit autistischen Zügen gibt, die unglaubliche Kunst gemacht haben; das Gemälde, das Du bewunderst, fantastische Erfindungen oder die Musik, der Du nicht aufhören kannst, zuzuhören. Ich glaube, dass da ein „drittes Auge" im Spiel ist, eine zusätzliche Dimension, die ein reichhaltiges Erlebnis für das Publikum noch reichhaltiger macht; jemand, der für andere sieht; jemand, der die intellektuelle und philosophische Belastung übernimmt. Es gibt andere Künstler mit Asperger-Syndrom und es hat sie immer gegeben; ich bin in dieser Hinsicht nicht exklusiv. Ich möchte dazu beitragen, dem Asperger-Syndrom und dem Tourette-Syndrom ein menschliches Gesicht zu verleihen, auch wenn ich das Seil alleine gehe.

Beppe wurde mit Tourette-Syndrom und
Asperger-Syndrom diagnostiziert.
Die oft mit diesen Syndromen verbundenen
sozialen Einschränkungen erklären vielleicht,
warum Beppe keine konventionelle
Musikausbildung hat.

So weit ich zurückdenken kann, habe ich meine Arbeit als eine Situation des Atmens wahrgenommen: des Einatmens von Eindrücken und des Ausatmens von Musik. Ohne Atmen kann man nicht leben. Das Wissen, dass ich einen dauerhaften Fingerabdruck in der Welt hinterlassen kann, macht mein Leben lebbar und nicht bedauernswert.


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