Interview mit dem Komponisten Flint Juventino Beppe und dem Dirigenten Rune Bergmann aus Anlass der Weltpremiere von Beppes erster Symphonie


Von Sverre Breivik, Saltenposten | Übersetzt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Zeitung


Am Donnerstag, den 15. August feiert um 20 Uhr die Symphonie Nr.1 «Operientes Mare» Op.89 ihre Weltpremiere beim Fjord Cadenza Festival in Ålesund. Dies ist die erste Symphonie des Komponisten Flint Juventino Beppe (ehemals Fred Jonny Berg) und das Werk wird unter der Leitung des renommierten Dirigenten Rune Bergmann mit dem internationalen Orchester des Festivals im Parken Kulturhus aufgeführt.

Wie hat sich diese Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Rune Bergmann ergeben?


– Bis 2018, als er die polnische Premiere des symphonischen Gedichts «Heart» Op.27 Nr.5 dirigierte, hatten wir noch nicht zusammen gearbeitet – seitdem stehen wir in engem Kontakt. Meines Erachtens hat er als Dirigent und als Mensch einen ganz eigenen Zugang zur Musik, der sehr bereichernd ist. Vor einigen Monaten hat er mich kontaktiert und gefragt, ob ich eine Symphonie zu dem Thema „das Meer" schreiben möchte. Er wusste bereits um mein enges Verhältnis zur Natur, und besonders zu der Natur in Saltdal. Gleich nachdem er mich gefragt hatte, schloss ich meine Augen, reiste in meinem Kopf zum Meer, und neue Musik begann zu spielen. Diese Töne sind natürlich Teil dieses Werks. «Operientes Mare» ist Latein und bedeutet ungefähr „das Meer abdecken".

Sie haben zuvor Klavierkonzerte, Flötenkonzerte und einige symphonische Gedichte geschrieben. Wissen Sie, ob dies die erste Symphonie eines Komponisten aus Saltdal ist?

– Um ehrlich zu ein weiß ich das nicht, aber ich habe auch noch von keinen anderen gehört. Im Übrigen glaube ich nicht, dass dies die letzte Symphonie aus Saltdal sein wird, sagt Beppe lachend.

Können Sie uns etwas darüber verraten, wo und wie sie gearbeitet haben, um dieses Werk zu erschaffen?

– Geografisch muss ich nur in meinem Kopf „da sein": Ich stelle mir das alles gedanklich vor. Allerdings wurden Teile dieser Symphonie buchstäblich auf dem Meeresgrund erdacht, beim Schwimmen. Die Musik kommt mir innerhalb von Sekunden in den Sinn, die meiste Zeit brauche ich, um die Tausenden von Noten niederzuschreiben und die technischen, grafischen Aspekte wie Bindebögen, Dynamik und die Besonderheiten der Instrumente zu berücksichtigen.

Das Thema der Symphonie ist das Meer und viele Ihrer früheren Werke und Filme zeigen die Natur in Bildern und Musik. Woran liegt es, dass Saltdal Ihre Kreativität so befeuert?


– Ich hatte das Glück, inmitten der Natur aufzuwachsen. Ich bin viel an der hiesigen Küste spazieren gegangen (Øyra), habe viel Zeit an einem besonderen See verbracht (Botnvatnet) und ich bin zu jeder Jahreszeit von mächtigen Bergen, Wasser und dem Meer umgeben gewesen. Die Natur hat großen Eindruck auf mich gemacht; sie ist ein großer Teil dessen, was ich bin. Es würde eine unendliche Anzahl Jahre brauchen, all diese Eindrücke künstlerisch darzustellen, aber es steht fest, dass die Natur von Saltdal in einem Großteil meiner Werke bis heute präsent ist und dass sie auch in zukünftigen Kompositionen und Produktionen präsent sein wird. Die wunderbare Umgebung wird immer ein gewaltiger Quell sein für die Musik, die ich schreibe. Die Natur von Nordnorwegen und Saltdal war selbstverständlich auch für die Erschaffung der neuen Symphonie wichtig. Man könnte sagen, dass ich mir erlaube, den Fjord bei Rognan und andere Naturjuwelen mit mir auf eine Zeitreise in die Künste zu nehmen.

Sie haben sich längere Zeit der hiesigen Allgemeinheit eher fern gehalten; können Sie uns etwas darüber erzählen, was sie in der letzten Zeit gemacht haben?

– Ich habe in den letzten Jahren im Ausland gearbeitet, um näher an meinem Netzwerk zu sein; und ich habe Projekte in Deutschland, Polen und den Niederlanden mit verschiedenen Dirigenten und Musikern gemacht. Es gibt praktische Gründe, warum ich oben im Norden nicht so sichtbar war.

Haben Sie weitere Pläne für die Zukunft?

– Ich arbeite im Moment an mehreren neuen Werken, sowie an Projekten für die neu gegründete Stiftung Philobretto aus Rognan. Der Zweck dieser Stiftung ist es, die Kunst, die ich mache, weltweit zu verbreiten und gleichzeitig im Bereich psychischer Erkrankungen zu arbeiten. Ich stehe täglich im Kampf mit dem Asperger-Syndrom in einer konventionellen Welt. Zum Glück ist die Natur nicht von Menschenhand gemacht und ich „spreche" gern mit dem Meer und den Bergen. Man könnte sagen, dass ich durch die Musik mit der Natur kommuniziere.
 
Wie ist es, etwas so persönliches wie eine Symphonie zu veröffentlichen?

– Ich hoffe wirklich, dass «Operientes Mare» bereichernd auf jemanden wirkt und möchte gleichzeitig diese Gelegenheit nutzen, jenen in Saltdal und Nordnorwegen zu danken, die schon seit Jahren an mich und an meine Karriere glauben.
– Diese Symphonie ist eines der Ergebnisse ihrer Unterstützung, sagt Beppe abschließend ergriffen.

 
Als Bergmann Flint Juventino Beppe bat, für die Fjord Cadenza 2019 eine Symphonie zum Thema „das Meer" zu schreiben, sah Beppe einen unmittelbaren Zusammenhang zu zweien seiner früheren Werke, «Über der Wiese schwebend» Op.88 für Flötenchor (das sich auf einer
üppigen Bergwiese entfaltet) und «Inner Seas» Op.16 (das sich im Gehirn entfaltet). Mit Zitaten aus diesen Werken geht die Reise vom Land hinaus aufs Meer in der Symphonie Nr.1 «Operientes Mare» Op.89 weiter – und in den vier Sätzen der Symphonie wird ein schillerndes Spannungsfeld zwischen diesen Elementen gemalt «TOWARDS THE SEA», «THE GIANT GLOBULE», «BELOW THE WAVES» und
«THE NETHER SUN» (Hin zum Meer, Die riesige Kugel, Unter den Wellen und Die untere Sonne). Foto: The FJB Fingerprint.





Der Dirigent Rune Bergmann beschreibt Flint Juventino Beppe als faszinierende Person und Komponisten.

– Es ist wunderbar, seine Musik aufzuführen. Sein Kopf ist davon erfüllt und er sollte eigentlich die ganze Zeit Musik schreiben, sagt Bergmann.

Hat ihn selbst kontaktiert
Bergman ist vor acht oder zehn Jahren selbst auf Beppe zugegangen. Nachdem er den Fernsehfilm EXHALING MUSIC gesehen hatte, war Bergmann fasziniert und schickte dem Komponisten sofort eine E-Mail. – Ich sagte, wenn Beppe je eine Symphonie schriebe, wolle ich sie unbedingt uraufführen. Und nun sind wir an diesem Punkt angekommen, erklärt Bergmann zufrieden.

Mehr als 60 Musiker im Orchester
Bergmann selbst hat ein Festivalorchester aus mehr als 60 Weltklassemusikern zusammengestellt. Sie alle haben ihre Stimmen schon für sich allein eingeübt. Heute kommen sie zu einer achtstündigen Probe zusammen. Morgen werden sie weiter proben, bevor sie um 20 Uhr das Werk uraufführen. Der Live-Stream des Konzerts kann auf der Facebook-Seite von Fjord Cadenza verfolgt werden. – Ich wünschte, dass Beppes Leben in der Gesellschaft einfacher und besser wäre. Selbstverständlich wünschte ich, dass er hier bei uns wäre. Das ist ein Komponist mit enormem Talent und wir freuen uns darauf, seine Symphonie aufzuführen und sind gespannt darauf, wie sie aufgenommen wird. Beppe hat seine eigene Klangsprache, wie es sie auch Beethoven, Mozart und Grieg hatten.

Ein großer Komponist
Bergmann glaubt, dass allein die Zukunft zeigen wird, wie groß Beppe ist, aber für ihn selbst ist klar, dass Beppes Musik heute erhalten werden muss. – Dies ist ein großes Ereignis für uns und wir sind sehr glücklich, das Orchester zusammenzubringen, die Proben abzuhalten und das Werk uraufzuführen.


Originale Version | Saltenposten

English version

Symphony No.1 «Operientes Mare» Op.89 (kostenlose Partitur & hören)


Symphony No.1 «Operientes Mare» Op.89 | Einführung


Ein großer gläserner Boden, der über einer Bergwiese schwebt, wird langsam zur Seite bewegt, und aus den Tiefen der Erde steigt ein majestätischer großer Vogel auf, der unverzüglich seinen Weg zum Meer beginnt.

Als der Vogel sein Ziel fast erreicht hat, erspäht er eine riesige Wasserkugel, die langsam auf das Meer hinabschwebt und bald den gesamten Horizont bedecken wird. Kurz bevor die Kugel die plätschernden Wellen berührt, stürzt sich der Vogel entschlossen und mit großer Geschwindigkeit direkt in die Kugel hinein, so dass sich das Wasser in Regen verwandelt, der das gesamte Meer bedeckt.

Der Vogel taucht weiter, durchbricht die Wasseroberfläche und taucht hinein in die Tiefe. Zauberkräfte lassen ihn über den Meeresgrund fliegen, wo die konturierten Ebenen aus Sand und Stein den Flügeln eine fantastische Spanne verleihen. Er nimmt unzählige Dimensionen der Kraft der Natur in sich auf und bricht schließlich auf dem Rücken zusammen, unfähig, mehr zu tun, als mit der Strömung davonzutreiben, die nur dort besteht, wo der Meeresgrund spricht.

Aus dieser Position heraus erkennt der Vogel einen herrlichen Sonnenstrahl, der alle Farben des Meeres durchdringt und im selben Moment erklingt die „Melody of Existence" (Melodie des Seins), umgeben von der unerschöpflichen Stille des Abgrunds in einer Symbiose aus Wasser und Licht.

Nach einer unermesslichen Zeitspanne zieht der Sonnenstrahl den Vogel langsam aus dem Wasser und schickt ihn zurück auf die Bergwiese. Der Vogel singt aus einer unendlichen Höhe einen herzzerreißenden Schrei des Lebens hin zum Meer, das er nicht länger sehen kann. Dann verschwindet der Vogel unter dem Glasboden, der just in diesem Moment wieder an seinen Platz gleitet.

Laut Beppe geht es in dieser Komposition nicht darum, die Geräusche der Natur zu imitieren; sie erzählt stattdessen eine erfundene Geschichte und soll dem Zuhörer lediglich einige Anhaltspunkte zum Leitgedanken des Komponisten geben. Wie im symphonischen Gedicht «Heart» Op.27 Nr.5, spielen Röhrenglocken in dieser Symphonie eine zentrale Rolle, da diese die „Melody of Existence", ein wiederkehrendes Thema des Werkes, symbolisieren.