Interview mit Flint Juventino Beppe

Dieses Interview wurde 2009 im Naxos BLOG im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von FLUTE MYSTERY publiziert






MORTEN LINDBERG: Die an FLUTE MYSTERY Beteiligten gelten innerhalb der klassischen Musik als Weltklasse und haben zusammen eine außergewöhnliche Anzahl an Alben verkauft. Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit an dieser Veröffentlichung?

FLINT JUVENTINO BEPPE: Ich muss sagen, dass bei der Auswahl derer, die bei der Aufnahme mitgemacht haben, qualitative, nicht kommerzielle, Kriterien ausschlaggebend waren. In dieser Hinsicht wurde ein surrealistischer Traum erfüllt.

Als ich 17 war, hatte ich einige Werke an Vladimir Ashkenazy geschickt. Seitdem waren wir in Kontakt geblieben und hatten später davon gesprochen, professionell zusammenzuarbeiten. Meiner Meinung nach ist er ein engagierter und ausgewogener Mensch, der mir viel gegeben hat, sowohl menschlich als auch künstlerisch. Als sich im Januar 2008 ein freies Wochenende in unseren Terminkalendern fand, entschieden wir uns, die Chance zu ergreifen. Eine künstlerische Voraussetzung für die Aufnahme war es, ein erstklassiges Orchester und Solisten einzusetzen und ich bin sehr zufrieden, dass die Wahl auf das Philharmonia Orchestra fiel. Ich hatte das große Vergnügen, das Flötenkonzert auf dem Album Emily Beynon zu widmen. Für mich ist ihr Klang ziemlich einzigartig und ich hatte ihr Spiel in meinem Kopf, als ich das Werk schuf. Ich konnte auch ihre Schwester Catherine Beynon an der Harfe gewinnen, sodass in meinen Augen die Liste der Künstler gänzlich optimal war. In vielerlei Hinsicht meine ich, dass diese Kombination von Musikern dem Repertoire der Aufnahme sehr gerecht wird.

LINDBERG: Sie benutzen ein Wort wie „kreiert"; was ist die Grundlage für ihre Arbeit als Komponist – was treibt Sie an?

BEPPE: Sich selbst als Teil der Natur zu identifizieren und eines großen Gebildes, das nicht erklärt werden kann, ist ein wiederkehrendes Thema in all meiner Musik. Die Dynamik und die Untertöne in der Musik sind eine Voraussetzung für den unverwechselbaren Charakter des Werks. Wenn ich selbst versuchen würde, es zu analysieren, würde ich sagen, dass ich automatisch solche Bestandteile hinzufüge, auf eine Art, die nicht sofort „hervorsticht", aber dass sie immer noch eindeutig wie ein „drittes Auge" in den Werken präsent sind – vielleicht auf einer anderen Abstraktionsebene als der Gebrauch experimenteller Techniken, wie sie oft mit „zeitgenössischer Musik" als Genre assoziiert werden. Wenn Dinge in Schichten versteckt sind, kann ich nicht von allen erwarten, sie zu verstehen, auch wenn sie für andere offensichtlich erscheinen.

LINDBERG: Wie ist es, für eine so komplexe und vielschichtige Besetzung wie ein Symphonieorchester zu schreiben?

BEPPE: Ich denke, man kann Parallelen ziehen zwischen der rein technischen Seite des Musikschreibens und gewöhnlicher Sprache. Einige lernen eine neue Sprache, indem sie sie studieren; andere, indem sie zum Beispiel in ein anderes Land ziehen, und am normalen Leben teilnehmen und sie so lernen. Als es für mich Zeit war, mit einer Hochschulausbildung zu beginnen, wurde ich für mehrere Jahre ernsthaft psychisch krank. Ich schreibe seit etwa 20 Jahren Orchestermusik und ich bin mehr Praktiker als Theoretiker, wenn es um meine Herangehensweise an die Musik geht. Ich habe mir selbstverständlich ein umfangreiches Wissen über Instrumente, Notationen, Register und darüber, wie ein Orchester allgemein funktioniert, angeeignet. Auch wenn man eine sehr klare Vorstellung davon hat, was man kommunizieren will, ist es nötig zu wissen, wie man es kommuniziert. Ich muss auch sagen, dass, wenn das Komponistsein nicht ein Lifestyle wäre, ich mir nie erlaubt hätte, damit fortzufahren.

LINDBERG: Würden Sie sagen, dass die Werke auf FLUTE MYSTERY repräsentativ für sie als Komponist sind?

BEPPE: Ja und nein. Ich habe alles geschrieben, von Solostücken, Kammermusik und elektroakustischen Werken bis zu vollen Symphonieorchestern. Aber die Grundidee hinter FLUTE MYSTERY ist nicht unbedingt, zu versuchen, die Dynamik, Thematik oder den Guss meines Gesamtwerks zu reflektieren und komprimieren. Bei mir steht ein sehr klarer und holistischer Gedankengang dahinter, genau diese Stücke zu veröffentlichen.

LINDBERG: Und der ist?

BEPPE: Es ist immer schwer, diese Dinge in Worte zu fassen, und die musikalische Sprache steht an erster Stelle als die Ausdrucksform, in der ich mich am wohlsten fühle. Man kann vielleicht über die Grundstimmung von FLUTE MYSTERY sagen, dass sie anfangs eher verweilend und schleppend erscheint, und dass die Dynamik und Spannung, die durchgehend vorhanden sind, sich nicht unbedingt auf einer Skala von leise/laut im Sinne von Lautstärke bewegt. Ich beschäftige mich vorrangig mit bestimmten zwischenmenschlichen Aspekten des Lebens, die versteckt sind in tieferen Schichten des eigentlichen Lebens innerhalb der Musik, oft Brüche in der Harmonie – vielleicht ebenso wie im Leben. Zum Glück glaube ich nicht, dass ich selbst Kontrolle über diese Dinge habe, da ich nur während dessen, was ich Ausatmung nenne, Musik schreibe. Das bedeutet, dass ich es für armselig halte, den eigentlichen Herzschlag des Werkes aufzubereiten. Das wäre wie ein intellektuelles Arbeiten mit der eigenen Vergangenheit, etwas, das ich für völlig unzulänglich halte. Ich will die mir bestimmte Zeit hier auf Erden nicht damit verbringen, mit intellektuellen Problemen herumzufummeln, die sowieso niemand beantworten kann. Ich hätte das theoretisch ganz leicht tun können, aber ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu konstruieren, jemandem zu gefallen oder mit der Musik irgendetwas zu beweisen. Nicht einmal mir selbst. Ich muss komplett offen sein.

LINDBERG: Auf FLUTE MYSTERY gibt es ein hohes Maß an Variation zwischen den Werken, von Flötenmusik bis zu den dramatischen symphonischen Gedichten, in denen eine erweiterte Orchesterbesetzung den Hauptbeitrag leistet. Warum gibt es da eine so große Variation?

BEPPE: Vielleicht kann Musik für einige täuschend „einfach" scheinen, wenn sie zeitweise melodisch und naturnah ist und im Jahr 2009 als „zeitgenössische Musik" lanciert wird. Für mich gibt es jedoch in allen Werken darunterliegende Schichten, die ständig tiefere Dimensionen kommunizieren. In meiner Filmproduktion bezeichne ich das als „Fingerzeig der Natur", etwas, das ich oft als „quasi heiter" definiere. Es scheint einfach und vergnüglich, aber es ist eigentlich brutal und zeitweise grotesk. Die Natur zu betrachten und sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu betrachten sind für mich eine bescheidene Anerkennung – und absolut essenziell für alles, was ich lebe und schreibe. Die Nordlichter sind ein Freund, der kommen und mich „mitnehmen" kann, aber noch immer kein Feind, da sie mich auf eine Reise in das mächtige Mysterium der Natur mitnehmen. Die Tatsache, dass die Sonne in Richtung Erde scheint, ist an sich simpel, aber warum sie überhaupt scheint und wie sie auf die Dinge wirkt, die sie verbrennt, sind nicht unbedingt ebenso simpel und daher ist die Sonne ebenfalls nicht simpel. Ich weiß natürlich, dass eine solche Philosophie einige provozieren kann, aber ich tue nichts, nur um zu provozieren. Ich lebe nicht nur im Jahr 2009. Ich lebe während ich es kann – und ich beziehe mich gerne auf etwas, das länger lebt als die Menschen selbst.

LINDBERG: Aber zurück zu dem symphonischen Gedicht. Ist das nicht ein altmodisches Genre, das der Vergangenheit angehört? Warum benutzen Sie dieses Format?

BEPPE: Kein Genre ist veraltet, wenn es noch Platz für neue Werke/Geschichten darin gibt. Wenn das nicht so wäre, müsste man auch alle Sonaten, Symphonien und Opern als veraltet bezeichnen, denn sie sind weitere Beispiele von Formaten, die vor langer Zeit gebraucht wurden, aber heute immer noch in Gebrauch sind. Ich denke, dass Zeitlosigkeit nicht nur bedeutet, dass Musik, die vor 200 Jahren geschrieben wurde, heute relevant ist, sondern auch, dass heute geschriebene Musik vor 200 Jahren bereits relevant gewesen wäre. Das Leben ist heute kaum „chaotischer" als es vor 200 Jahren war? Zu der Zeit, soweit ich es verstanden habe, gab es ebenfalls psychische Erkrankungen, Extreme, Freude, Leid, Lärm und „Chaos", genau wie heute, wenn wir auch Verkehr, Computer und die Medien haben. Wenn man eine Geschichte zu erzählen hat, würde ich das Format wählen, das zu einem bestimmten Zeitpunkt meinem Herzen am nächsten liegt. Im Fall von FLUTE MYSTERY kam die Ouvertüre der Musik wie symphonische Gedichte und ich empfand es als unnatürlich, für diese Werke die Handlung in Sätze zu unterteilen. Ein weiterer essenzieller Grund ist, dass ich mich auch auf eine melodische Ader beziehen muss, der ich nicht entkommen kann.

Ich habe stets viel Respekt für jene, die es wirklich natürlich finden, sich hin zu einem Genre zu bewegen und es zu nutzen – sei es als Urheber oder Hörer. Geschmack ist geteilt. Für mich ist das einzig Wichtige das, was geliefert wird, das ist das Ziel und nicht die Mittel. Für alles, was ich liefere, gilt sowieso stets take it or leave it.

LINDBERG: Können Sie etwas über die technische Seite von FLUTE MYSTERY sagen; warum benutzen Sie hier so viele Ressourcen?

BEPPE: Die Musik lebt sowieso ihr eigenes Leben, aber indem wir „echten" Surround-Sound benutzen, reproduzieren wir ein 360-Grad-Erlebnis für diejenigen, die die Aufnahme mit Surround-Sound abspielen können. Das eröffnet das Klangbild erheblich. Dies war ein Lernprozess, bei dem Lindberg Lyd AS das Werk geleitet hat. Innovasjon Norge war ebenfalls ein zuverlässiger Unterstützer. Wir haben während der Aufnahme einen präzise geplanten Bühnenaufbau benutzt, der auf der Balance in den Partituren basiert. Dieses Werk wurde von dem Produzenten des Albums, Morten Lindberg, geleitet. Ich bin sehr beeindruckt, wie die Prozesse sich entwickelt haben, von den Sketchen zum Endergebnis.

LINDBERG: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

BEPPE: Im Moment arbeite ich an mehreren Projekten und verschiedenen Werken, unter anderem an der Premiere des Films VICINO ALLA MONTAGNA im Herbst. Ansonsten ist es etwas zu früh, andere Neuigkeiten jetzt bekanntzugeben.